Thema: Gemeinsinn & Glück
Ist der Mensch eher aggressiv? Ist die Gesellschaft eine dünne Schicht? Oder vereint uns alle im Grunde der Gemeinsinn? Denke man an eine Katastrophe, wie einen Untergang eines Schiffes, gilt womöglich "Rette sich, wer kann." – die Frage nach dem Gemeinsinn erscheint situationsbedingt. Doch sind wir in erster Linie Tiere, die zum Schutz eine Zivilisation gegründet haben, in der man sich nun anpasst – und dazu gehört auch ein Miteinander? Wenn wir hungern, dann verhalten wir uns roh. Doch an Nahrung mangelt es uns heutzutage fast nicht mehr. Macht es da Sinn, uns als Tiere zu begreifen oder sind wir nicht vielmehr Kultur?
Ohne Gemeinsinn erscheint Gesellschaft nicht denkbar. Doch wie weit wird Gesellschaft gedacht? Im engeren Sinne, in der Familie, und bei nahe stehenden Menschen gilt der Gemeinschaftsgedanke womöglich eher, als in weiteren Kreisen, wo Menschen einander immer fremder werden.
Doch was ist dieser Gemeinsinn eigentlich? Ist es eine Wahrnehmungsform, ein sechster Sinn? Und wie unterscheiden sich die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft?
Wir schauen uns als Beispiel die wahre Geschichte der Tongan Cast Aways an. 6 Jugendliche haben 15 Monate auf einer einsamen Insel überlebt. Sie schafften dies, weil sie zusammengearbeitet haben, sich an Gesellschaftsformen hielten und Konflikte gemeinsam bewältigten. So pflegten sie Rituale, wie sonntägliches gemeinsames Kochen und Essen, sie organisierten einen Ausguck, rodeten ein Stück Wald für ein Federballfeld und machten zusammen Sport auf eigens erstellten Geräten. Ein Beispiel für das Gute im Menschen? (Eine andere Geschichte erzählt das Buch "Im Grunde gut.")
Oder hatten die Jugendlichen Freiheit und gerade keinen gesellschaftlichen Druck, kannten sich und hatten keine Konkurrenzgedanken, auch weil nur junge Männer – und keine Frauen dabei waren? Vielleicht einte sie auch der Gedanke, dass sie es nur gemeinsam schaffen könnten – und die Gemeinschaft war nur logisch. Oder war es doch die Kultur der Tongan, oder die schulische Bildung? Hielt sie demnach die Vernunft zusammen, oder doch vielmehr gegenseitiges Vertrauen, das sie sich vorab gaben? Sie wussten nicht, was sie erwartet, und wie lange sie bleiben werden. Schließlich wurden sie von einem Fischer gerettet, der sie beinahe für Sträflinge hielt.
Ist man vielleicht in diesem Beispiel sehr nah am Tierreich? Und versucht eine Art sich hauptsächlich zu erhalten, sodass sie instinktiv weiß, dass sie die anderen braucht? Steckt Altruismus in allem Leben? Und was ist mit der zersplitterten sozialen Lebenswelt heutzutage, wo es zunehmend (?) nicht mehr zum Kontakt kommt. Doch was ist mit Spenden und ehrenamtlichem Engagement? Gerade zu Weihnachten besinnen sich viele. Es gibt also mehrere Bereiche: Da steht dann die Medienberichterstattung über zunehmenden Unmut in der Bevölkerung dem Miteinander auf der Arbeit und bei Freunden gegenüber. Das eine zeigt aggressives Verhalten, das andere offenbart dann doch den Gemeinsinn?
Ist das Gegenteil von Gemeinsinn der Egoismus? Und ist Egoismus der Beweis dafür, dass wir als Menschen den Gemeinsinn wertschätzen, weil Egoismus derart verbrämt ist? Vielleicht ist es nur ein kultureller Akt der Höflichkeit, Egoismus zu ächten.
Wenn ich lese, dann kann ich das für mich tun und brauche keinen anderen, aber das ist nicht egoistisch, also scheint Egoismus nicht das Gegenteil von Gemeinsinn zu sein. Ebenso kann ich eine Planwagenfahrt am besten mit anderen zusammen machen, alleine wäre es langweilig. Und sich um andere zu kümmern oder wohlgesonnen zu sein tut doch auch gut – ein Plädoyer für das Gute im Menschen?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir Gemeinschaft erfahren können, aber wenn der andere mir fremd ist, erlebe ich mit ihm keine Gemeinschaft. Enthält Gesellschaft auch das Fremde? Ferner gibt es in einer Gesellschaft Regeln & Staat (d.h. das politische Leben). Man schließt sich in einer Gruppe zusammen um ein Ziel zu verfolgen, denn gemeinsam ist man stärker. Zusammen zu kooperieren bewirkt, dass mehr erreicht werden kann. (Doch darüber wird seltener gesprochen und es wird auch anscheinend nicht gefördert.)
Zitat:
Weil wir alle in einem Boot sitzen, ist es gut, dass wir nicht alle auf einer Seite stehen.
Zitat:
Man kann nicht angenehm (lustvoll) leben, ohne zugleich klug, ehrenhaft/schön und gerecht zu leben – und umgekehrt kann man nicht klug, ehrenhaft und gerecht leben, ohne dabei ein angenehmes Leben zu führen. Epikur
Wenn ich isoliert bin, vermisse ich doch andere. In der Fernsehserie 7 versus wild war die Einsamkeit der Teilnehmer auf einer einsamen Insel manchmal recht unangenehm. Sehnen wir uns nicht alle nach Gemeinsinn? Wollen wir das und ist es vielleicht ein Ziel? Ist es Glück, oder ist Glück für jeden so individuell, dass manchen der Gemeinsinn gar nicht in den Sinn kommt?
Zitat:
Der Mensch wird erst im Du zum Ich.
Was it der kleinstmögliche Gemeinsinn? Ist es das deutsche Grundgesetz – oder das Grundgesetz eines anderen Landes? Oder reicht es, wenn sich zwei Menschen grüßen, oder zumindest wahrnehmen? Was ist mit der Fähigkeit und Bereitschaft, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen? Ist das eventuell sogar notwendig für Gemeinsinn?
Wir haben davon gesprochen, dass der Gemeinsinn ein Sinn ist. Im Sinne von Wahrnehmung oder auch im Sinne von Bedeutung. Im Sinne von Mitgefühl und Resonanz oder im Sinne eines Gedanken, einem gemeinsamen Wertesystem. Hat der Gemeinsinn den Zweck, das Zusammenleben zu regulieren? Im Sinne von menschlichem Regulieren, oder in Form von Regularien, also Gesetzen und Regeln?
Zumindest erscheint Gemeinsinn eine Bedingung für das Gemeinwohl zu sein. "Als Düsseldorferin kann ich mich darauf verlassen, dass die Straßenbahn fährt und sich alle an deutsche Regeln und Konventionen halten. Wir können zwar alle für uns selber lesen, doch nur deshalb, weil wir es in einer Schule gelernt haben."
Wenn Gemeinsinn einen Zweck hat, wie das Zusammenleben zu regulieren, was ist dann der Nutzen davon? Ich gehe zusammen mit anderen auf ein Konzert und vertraue darauf, dass alle gemeinsam Spaß haben wollen, jeder sich einigermaßen gesittet verhält und auch die Umgebung ein sicherer Raum ist. Oder hat Gemeinsinn auch einen egoistischen Nutzen?
Aristoteles, Zusammenleben und das Glück
Uns interessiert ferner, ob auch das Glück eine Rolle beim Gemeinsinn spielt. Wie passt das zusammen? Reicht es, wenn die Eindrücke unserer Sinne unsere Erwartungen erfüllen und wir dann einen Serotonin-Cocktail genießen? Oder ist Glück ebenso individuell wie subjektiv – und wollen wir uns auf Botenstoffe reduzieren und per Knopfdruck glücklich sein?
Für Aristoteles ist die Sache so verknüpft: Das höchste Ziel des Menschen ist das Glück (eudaimonia), und dieses Glück erreicht man ausschließlich durch tugendhaftes Handeln – die Tugend ist der Weg dorthin, nicht bloß ein Mittel dazu. In der Nikomachischen Ethik behandelt Aristoteles die Frage, wie Menschen ein gutes und erfülltes Leben führen können, und kommt zu dem Schluss, dass das höchste Ziel des menschlichen Lebens das Glück ist, das durch tugendhaftes Handeln erreicht werden kann. Der Begriff der Gerechtigkeit ist dabei eng mit diesem ethischen Ideal des Glücks verknüpft.
Da die Gerechtigkeit als "vollkommenste Tugend" gilt – weil sie sich stets auf das Verhältnis zu anderen bezieht, nicht nur auf einen selbst – ist sie für Aristoteles auch besonders eng mit dem gelingenden, glücklichen Leben innerhalb der Gemeinschaft (der polis) verbunden: Der Mensch ist für ihn ein soziales Wesen, dessen Glück sich nur im Zusammenleben mit anderen verwirklichen lässt, und Gerechtigkeit ist die Tugend, die dieses Zusammenleben erst ermöglicht.
Ist nun Glück das oberste Ziel oder bietet das Leben noch andere Qualitäten. Wir wollen beim nächsten Mal weiter über Glück und Gemeinsinn sprechen, diesmal aber mehr in Hinblick auf das Glück.