Philosophie als Lebenskunst (VHS-Kurs) vom 17.09.26
Vorstellung
In diesem Kurs treten wir in einen Dialog und erforschen gemeinsam Lebenswelten, wobei wir mit Fragen unseren Horizont erweitern und immer offener für die andere Perspektive werden. Christian und Sebastian moderieren dieses Format und bieten mit einem Impulsbeitrag, Fragen und Zitaten eine Inspiration für das Gespräch um ein Thema, welches wir am Ende jeder Stunde für die nächste Stunde festlegen.
Andere Formate, die wir anbieten sind die philosophischen Sonntagsgespräche im zentrum Plus D-Derendorf, Kleverstraße 75 (Infos im Programmheft auf der Internetseite des zentrum plus) und Philosophie Am Schabernack 35 in D-Eller, jeden 1. Dienstag im Monat 15:30 - 17:30.
Dabei bewegen uns auch die Fragen von Immanuel Kant:
- Was kann ich wissen? (Erkenntnistheorie)
- Was soll ich tun? (Moral/Ethik)
- Was darf ich hoffen? (Religion/Metaphysik)
- Was ist der Mensch? (Anthropologie)
Liste an Themen
Wir haben euch in der ersten Stunde gefragt, was euch bewegt. Hier eine Liste an möglichen Themen, die dabei aufkamen:
- "Awe" (engl. ungefähr Erfurcht), das Staunen über Existenz, Bewusstsein, das Universum – ein säkulares Äquivalent zum religiösen Erhabenheitsgefühl
- Gemeinsinn
- Träume
- Ethik des Helfens
- Ethik des einzelnen und eine gemeinsame Ethik
- Glücklichsein
- Ausprobieren und etwas daraus machen
- Wahrheit
- Pflege, das Gesundheitssystem und ist Gesundheit mehr als der Körper?
- Überforderung der Gesellschaft durch Krisen, Kriege, KI; Gefahren, Chancen und Risiken
- philosophisches Denken und Erkennen
- Künstliche Intelligenz
Thema des ersten Abends: Alles Leben ist Problemlösen
Dies ist eine Zusammenfassung des Themenabends, bestehend aus allen Beiträgen der TeilnehmerInnen.
Karl Popper (1902 in Wien geborener und 1994 in London verstorbener Philosoph) prägte diese Aussage in seiner Erkenntnistheorie. Aber was ist mit der Vermutung, dass ein Problem oder eine Aufgabe auch ein Ziel und eine Richtung hat? Die Aussage "Alles Leben ist Problemlösen" erscheint richtungslos. Mit "alles" fehlt der Kontext, der Rahmen. Es klingt viel zu allgemein. Und wenn Problemlösen nicht alles ist, dann ist dies nur Ausschnitt in unserem Leben: Darum können wir das "Geschenk" Leben erleben, ohne oder 'auch' mit Problemen.
Wann tritt überhaupt ein Problem auf? Dies erscheint doch sehr subjektiv: Was für den einen ein Problem ist, ist für den anderen vielleicht eine schöne Aufgabe. So macht man manchmal Aufgaben, wobei man dafür nicht einmal intuitiv Geld nehmen würde – und andere loben einen dafür, weil sie es selbst als Problem sahen.
An sich ist das Wort "Problem" negativ konnotiert: Es klingt so, als wäre das Problem eine unangenehme Hürde. Ist nicht jedes Problem einfach nur eine Aufgabe, die wir negativ gewichten? Oder meint Aufgabe im Gegensatz zum Problem etwas anderes: Eine Aufgabe ist ein Weg zu einem Ziel hin und auf dem Weg treten Probleme auf: Auf dem Weg zum Gipfel befindet sich ein Fluß (das Problem). Problem kommt von griechisch próblēma, wörtlich „das Vorgeworfene", also das, was einem in den Weg gelegt wird. Der Fluß auf dem Weg zum Gipfel ist genau das. Aufgabe dagegen ist das, was einem „aufgegeben" wird, meist von jemandem: eine Anforderung, die man zu erledigen hat. (Es gibt aber noch andere Grenzen um die beiden zu unterscheiden, vgl. Denkpsychologie von Karl Dunker & Dietrich Dörner)
Manchmal spürt man lange Zeit in sich hinein um ein Problem zu lösen. Da kann Rainer Maria Rilke eine Erlösung sein:
„Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forsche jetzt nicht nach den Antworten, die dir nicht gegeben werden können, weil du sie nicht leben kannst. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Lebe jetzt die Fragen. Vielleicht lebst du dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ Rainer Maria Rilke (Briefe an einen jungen Dichter, 1903)
Auch ist es manchmal so, dass die Haltung hilft "nicht alles alleine lösen zu können", und da ist vielleicht göttliche Gnade ein Weg. Oder auch hilfreich ist, sich bewusst zu machen, dass "man nicht alle Probleme lösen muss". Vielleicht braucht man sich nicht jeden Schuh anzuziehen.
Einschub: Gabriel Marcel hat eine Unterscheidung vorgeschlagen, die neben Aufgabe und Problem tritt: die zwischen Problem und Geheimnis. Ein Problem liegt vor mir, ich kann es umstellen, zerlegen, distanziert betrachten — ich selbst komme darin nicht vor. Ein Geheimnis ist etwas, worin ich selbst schon verwickelt bin, so daß die Grenze zwischen dem, was in mir ist, und dem, was vor mir liegt, gar nicht mehr sauber zu ziehen ist. Schuld, Sterblichkeit, die Frage, wer man ist. Das sind keine besonders schweren Probleme, sondern gar keine. Wer sie wie Probleme behandelt, verfehlt sie. Der Gipfel setzt voraus, daß das Leben eine Route mit einem Ziel ist. Von Gnade wird meist dort gesprochen, wo genau diese Vorstellung zerbricht: bei Krankheit, Verlust, Schuld. Das sind keine Stationen auf einem Weg. Da ist nicht der Fluß im Weg — da ist der Weg weg.
Vielleicht ist nicht alles ein Problem oder als Problem zu sehen. Doch da, wo das menschliche Denken arbeiten kann, also wo es von einem Ist-Zustand zu einem Soll-Zustand kommen kann, ob wegen des eigenen Willen oder der Notwendigkeit, da füllt das Denken fast wie ein Naturgesetz den Raum und sucht nach Lösungen. Karl Popper bezog sich auf die Entwicklung der Natur durch Versuch und Irrtum: Das Denken kann von diesem Prozess abstrahieren und ihn gedanklich vorwegnehmen, sodass nicht alles erlebt werden muss. Aber hat das Denken noch mehr Probleme geschaffen? Oder ist das größte Problem, dass wir denken müssen?
Und wenn wir nun diesen Denkapparat haben, sollten wir dann nicht auch gewisse Probleme angehen, als nur im Privaten zu bleiben?
Könnte man den Sinn des Lebens als lustvolle Selbstverwirklichung sehen, dann kommen die Probleme darin vor, aber welchen davon sollten wir uns stellen? Albert Camus sah das Leben auf eine andere Weise, nämlich: das Leben sei absurd und das Absurde liege weder im Menschen noch in der Welt, sondern in ihrer Konfrontation: im Zusammenstoß des menschlichen Verlangens nach Sinn mit dem Schweigen des Universums. Demnach tun wir im Endeffekt sinnlose Arbeit, wie Sisyphos, der dazu verdammt ist, einen schweren Stein einen Berg herauf zu rollen im Schweiße seines Angesichts, nur um zu sehen, wie er am Abend des Werktags wieder herunter rollt – und dass bis zum Ende aller Zeit. Doch Camus meint, man könne sich ihn als einen glücklichen Menschen vorstellen, der eine Aufgabe hat, die er wohl freudig anzunehmen in der Lage ist, weil er über sein Schicksal bestimmen kann. (Ich würde aber da Camus widersprechen: Das Leben ist nicht sinnlos, nur weil es keine übergeordnete Aufgabe gibt, vielmehr bilden viele kleine Aufgaben im Leben eine Möglichkeit, Sinn zu finden, und nichts muss auf Ewigkeit bestehen oder allgemeingültig sein, wie ein Tanz, ein Musikstück, eine Veranstaltung. Und nicht alles braucht aufgegeben werden: Gerade da wo keine Aufgabe ist, existiert Freiheit, ein Ausprobieren mit der Wirklichkeit. Schiller hat das zugespitzt: Der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spielt. Oder auch interessant: Eine Aufgabe, die ich nur wähle, weil sie Freude macht, kann ich jederzeit gegen eine andere tauschen — und was jederzeit tauschbar ist, bindet nichts. Der Tanz ist ja nicht schön, weil er beliebig ist, sondern weil er unwiederholbar ist. Sinn entsteht gerade dort, wo etwas unwiderruflich geworden ist.)
Für jeden ist Freude (oder Glück) also ein bisschen anderes. Doch wenn völlig sinnfreie Arbeit das Bild ist, und die Arbeit am Fließband nicht zum Sinn im gemeinsamen Endprodukt mündet, und vieles auf immer dieselbe Weise wiederholt wird, wie Rasenmähen, ist man dann nicht wie Sisyphos, wenn man dem ganzen Freude abgewinnt? Das ist Camus Revolte. Oder merken wir erst dadurch, dass wir denken können, dass wir wie Sisyphos sind? Das Eichhörnchen denkt nicht über das mühsame Sammeln von Eicheln nach. Das Eichhörnchen kennt auch nicht den Tod und denkt wie wir darüber nach, sodass Martin Luther zu solch einer Aussage hingerissen wurde: "Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen".
Und Aufgaben machen uns zum Menschen. Manch einer mag es, einen Garten einzurichten, andere flüchten sich in virtuelle Welten und erledigen da virtuelle Aufgaben. Gibt es eine Qualität der Aufgabe? Gibt es hier ein richtig und falsch, wie es bei Aufgaben üblich ist? Doch auch Aufgaben wandeln sich und nehmen sogar ab, je mehr Technik unseren Alltag bestimmt. Viele Aufgaben wird es in Zukunft nicht mehr geben. Und gibt es ein sinnvolles Leben, also eines, dass mit den objektiv eindeutigen und richtigen Aufgaben angereichert gelebt wird, oder ist ein sinnvolles Leben für jeden ein anderes?
Im 19. Jahrhundert gab es durch die Industrialisierung einen starken Wandel, der vielen die Lebensgrundlage entzogen hat. Befinden wir uns bald wieder in so einem Umbruch? Was sind unsere besten Fähigkeiten, die wir als Arbeitskraft anbieten können - oder brauchen wir das nicht mehr? Wie sieht eine Gesellschaft dann aus (vgl. Sinnesgesellschaft, Richard David Precht). Als Urmenschen, waren wir perfekt angepasst, sowohl körperlich als auch sozial. (vgl. Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari). Wir kamen dem, was die Natur uns als Aufgabe gestellt hat, sehr nah dran. Doch das meiste gibt es nicht mehr zu tun, was der Urmensch noch zu tun hatte. Wir können uns immer wieder adaptieren & unserem Menschsein entsprechen.
Was ist das obere Ziel, wenn es das nun doch gäbe? Probleme schaffen neue Probleme - und wir schauen nach vorne. Aktuell, geht der soziale Zusammenhalt verloren. Der einzelne ist nicht mehr Mitglied eines Verbundes und kann nun auch verführt werden. Und was ist eigentlich Gesellschaft, gerade heutzutage? Welche Aufgaben entstehen in ihr? So kamen wir am Ende der Stunde zum Thema des nächsten Abends: Gemeinschaft & Gemeinsinn. Vielleicht beginnen wir da schon mit dem Thema Glück – für den einzelnen und für alle. Der alte griechische Philosoph Aristoteles lässt schon einmal grüßen. Bis zum nächsten Mal.